12. Brunntor
Foto: Bergverein Kallmünz e.V. Brunntor, ca. 1905Wir zitieren J.B. Laßleben aus seinem Kallmünz-Büchlein 1904: „In Bezug auf Sicherheit war die Lage von Kallmünz – es kam im Mittelalter wohl nur der innere Markt in Betracht – die denkbar günstigste. Die Burg deckte den Rücken; Nab und Vils schützten die Front. Man brauchte an den Enden des Marktes an dem steil abfallenden Schloßberg und der Nab einerseits, sowie der Vils andererseits nur je eine 50 m lange, mit betürmten Toren bewehrte Mauer zu errichten, so war der friedliche Bürger gegen eine jähe feindliche Überrumpelung gesichert.“ (S. 26)
Über dem Tor befand sich die Wachstube: Der Wächter schloss nachts ab. Fußgänger durften durch die kleine Pforte neben dem Tor in Notfällen auch nach Einbruch der Dunkelheit aus- und eingelassen werden.
Das Brunntor blieb bis 1968 erhalten. Einem Gemeinderatsbeschluss zum Abriss des Gebäudes widersprach das Denkmalamt. Aber was sollte man tun? Für die neuen größeren Fahrzeuge war das Tor zu eng geworden und damit zum Ärgernis. In einer Nacht- und Nebelaktion wurden Fakten geschaffen und das Tor erst zugemauert und später von „Unbekannten“ beseitigt.

Walther Scholtz, Brunntor, 1904, Öl auf Leinwand, 56 x 86 cm

Erich Frankenberg, Brunntor, Öl auf Hartfaserplatte, 41 x 51 cm
Erich Frankenberg hingegen interpretiert das Motiv expressiver. Die Formen sind stärker vereinfacht, die Pinselführung pastoser und die Farbpalette wärmer und kontrastreicher. Dadurch entsteht eine kompaktere, fast monumental wirkende Komposition, bei der die Spiegelung im Wasser als malerische Struktur eingesetzt wird.
Scholz integriert zwei kleinere Figuren als lebendige Szenenstaffage, während Frankenberg eine einzelne, schemenhaftere Figur einsetzt, die stärker der kompositorischen Balance dient.
Beide Werke denselben Schauplatz, aber zwei sehr unterschiedliche Auffassungen – eine lyrisch-naturalistische (Scholz) und eine kraftvoll-malerische (Frankenberg).
Constantin Gerhardinger, Brunntörl, 1921, Öl auf Hartfaserplatte, 34 x 47,5 cm
Walther Scholz belebt seine Ansicht des Brunntors durch zwei kleine Figuren, die in die Szenerie eingebunden sind; Erich Frankenberg reduziert dies auf eine einzelne, eher schemenhafte Figur am Rand. Constantin Gerhardinger hingegen verzichtet vollständig auf Menschen – seine Darstellung konzentriert sich ausschließlich auf Architektur und bäuerliche Umgebung, wodurch das Motiv stiller, beinahe zeitlos wirkt.

Rudolf Pfannenstiel, "Brunntor in Kallmünz 1947", Öl auf Malerpappe, 49,5 x 42 cm
Rudolf Pfannenstiel (1888 - 1979) hat diese Ansicht vom Brunntor 1947 gemalt. Pfannenstiel stellt sich für seine Ansicht direkt vor das Brunntor und malt den Blick in die Brunngasse, im Hintergrund sieht man den Turm der Kirche.
Auch nach dem zweiten Weltkrieg strömten die Maler wieder nach Kallmünz. Im Sommer sind nach Berichten von älteren Kallmünzern in jeder Ecke Maler gesessen. Eines der beliebtesten Motive ist das Brunntor.
Albert Stagura, "Kalmünz", 1923. Öl auf Leinwand, 61 x 71 cm
In Staguras winterlich anmutender Ansicht des Brunntors liegt über den dicht gedrängten Häusern ein feiner Schleier von Rauch, der aus mehreren Schornsteinen aufsteigt und die kalte, feuchte Luft sichtbar macht. Die gedämpfte, graubraune Farbigkeit und das weiche Licht erzeugen eine stille, beinahe nebelhafte Atmosphäre vor dem dunklen Felsenhang. Eine winzige Figur am Ufer dient nur zur Maßstabsetzung; der Fokus liegt ganz auf der ruhigen, winterlichen Stimmung des Ortes. Stagura verwandelt das Brunntor in eine zurückhaltende, stimmungsvolle Momentaufnahme der Jahreszeit.

Constantin Gerhardinger, Brunntor, 1923, Öl auf Leinwand, 61 x 83 cm
Emil Scheibe, Kallmünz, 1939, Radierung, 17,5 x 22 cm
Die Radierung von Emil Scheibe (1914 - 2004) ist vermutlich 1939 entstanden. Sie trägt den Stempel des Lehramtsprüfungsausschusses dieses Jahres. Scheibe hat diese Prüfung 1939 abgelegt. Ob Emil Scheibe öfter in Kallmünz war ist nicht bekannt.
Emil Scheibe entwickelt nach dem Krieg seinen Stil des "existentiellen Realismus".
Seit den 60er Jahren hatte er immer wieder große Ausstellungen in verschiedenen Orten in Deutschland.
Günther Schmitz, Brunntor, Aquarell, 1987, 29 x 39 cm

Günther Schmitz, "Kallmünz 1939", Radierung, 1988, 21 x 28 cm
Günter Schmitz (1909 - 2002) kam 1940 als Soldat der Wehrmacht zum ersten Mal nach Kallmünz. Nach dem Krieg kam er oft hierher zurück und malte und zeichnete den Ort. Er bekam mit seinem Freund Erik Mailick immer wieder die Ausreiseerlaubnis aus der DDR.
Für seine Ansichten des Brunntores (ein Aquarell, eine Radierung), die er 1988 und 89 erstellt, nimmt er als Grundlage ein historisches Foto von 1939.
Die Aquarellszene zeigt das Brunntor in lebendiger, lichter Atmosphäre. Vor den mittelalterlichen Gebäuden mit ihren roten Ziegeldächern beleben mehrere Figuren das Geschehen: Kinder spielen am Uferrand, eine Kuh trinkt aus dem Wasser, und ein Pferdewagen passiert gerade das Tor. Weidende Gänse und die warm getönten Himmelsfarben verstärken den Eindruck eines geschäftigen, zugleich idyllischen Dorfmoments.
Josef Georg Miller, Brunntor, Öl auf Malerplatte, ca 90 x 100 cm
Miller interpretiert das Brunntor in einem expressiven, kraftvollen Stil. Die Gebäude erscheinen in stark vereinfachten, kantigen Formen, während kräftige Konturlinien und leuchtende Rot-, Blau- und Grüntöne die Szene dynamisieren. Der geschwungene Weg, der durch den Torbogen führt, wirkt fast wie ein bewegter Pinselstrich und verleiht dem Motiv eine lebendige, fast pulsierende Energie. Die Darstellung löst sich deutlich vom Naturalismus und verwandelt das Brunntor in eine farbintensive, modern anmutende Expression.
Wir gehen ein paar Schritte Richtung Eich und werfen mit den Malern einen Blick zurück auf Kallmünz und das Brunntor. Rechts im Bild das Seebauer-Haus, es war früher das letzte Haus in Kallmünz. Im Altwasser der Naab spiegeln sich idyllisch der Ort mit Kirchturm und Schlossberg.
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Wir gehen dann weiter über den Eselsweg auf die Burg
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oder über die Uferpromenade zurück
13. Naabpromenade
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